Freitag, 9. November 2012

Izmir IV: Das hämophile Kind // The haemophiliac child


English translation: see below

Europa ist bislang nicht bereit, syrische Flüchtlinge, die momentan als Binnenflüchtlinge in Syrien oder in den Auffanglagern der Nachbarstaaten leben, aufzunehmen. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle äußerte sich jedoch kürzlich dahingehend, dass Deutschland im Prinzip bereit sei, „Flüchtlinge bei uns aufzunehmen, zum Beispiel zu medizinischen Behandlungen. Und das wird auch geschehen.“ [1] Ein solches Vorgehen könne es jedoch nur als gemeinsames Vorgehen der EU und in Absprache mit den Vereinten Nationen geben. Ist der Verweis auf ein koordiniertes Vorgehen mit der EU und den UN eine Aufschiebetaktik, um nicht in die Bredouille zu geraten, Worten auch Taten folgen lassen zu müssen oder gibt es tatsächlich diplomatische Bestrebungen, eine medizinische Notversorgung zu gewährleisten? So oder so, an den europäischen Außengrenzen besteht akuter Handlungsbedarf.

Loran Shamdin ist zwei Jahre alt und leidet unter Hämophilie, auch als „Bluterkrankheit“ bekannt. Der kleine Junge ist blass, die krausen Locken fallen in ein gezeichnetes Gesicht. Etwas Weises liegt in seinem Blick, während er geistesabwesend mit der Gebetskette seines Vaters spielt. Wir sitzen auf den Stufen einer Billigabsteige im Stadteil Basmane in Izmir, einer Großstadt an der türkischen Agäis. Lorans Familie kommt aus den kurdischen Gebieten in Syrien und ist wegen der Kampfhandlungen, die auf Demonstrationen gegen Machthaber Assad folgten, in die Türkei geflohen. Die Eltern und ihre drei Kinder fuhren über die Grenze in die kurdischen Gebiete Iraks, um dann nachts den Grenzfluss zur Türkei zu überqueren und einen Bus nach Izmir zu nehmen. Sie hatten gehört, dass dort die europäische Grenze nicht weit sei – und außerdem herrsche dort ein für die Türkei verhältnismäßig tolerantes Klima gegenüber Kurden.

Loran (Mitte) und sein Vater warten schon wochenlang darauf, dass etwas passiert. // Since weeks, Loran (center) and his father are waiting for something to happen.
Die Kurdenfrage in der Türkei ist weiterhin ungelöst. Zwar ist unter der Regierung des konservativen AKP-Ministerpräsident Erdogan einiges unternommen worden, um die kulturellen Rechte der Kurden zu verbessern – kurdische Fernsehsender wurden genehmigt und es gibt offenbar sogar vereinzelt kurdischsprachigen Schulunterricht. Eine umfassende Anerkennung kurdischer kultureller oder gar politischer Identität, wie sie von vielen kurdischen Gruppen gefordert werden, jedoch ist weiterhin nicht absehbar. Während der Regierungsperioden der kemalistischen CHP war meist wenig Platz für kurdische Fragen, zu sehr hing man an den vermeintlichen Vorgaben des allgegenwärtigen Idols: Staatsgründer Atatürk hatte ganz bewusst das Türkentum als Identifikationsnukleus für die 1923 gegründete Republik gewählt, um dem islamischen Sultanat, das religiöse und politische Führung in einer Person vereinte, etwas entgegenzustellen. Für Kurdentum war kein Platz.

In den 70er und 80er Jahren wurde dann verstärkt gegen kurdische Autonomiebestrebungen vorgegangen: Wer kurdisch sprach, schrieb oder auch nur ein kritisches Wort gegenüber der Zentralregierung verlor, lief Gefahr, eingesperrt und gefoltert zu werden. Nach Jahren der Assimilation sprechen mittlerweile viele junge kurdischstämmige Türken ihre Muttersprache nicht mehr. Auch wenn Erdogans AKP tendenziell eher für eine muslimisch-liberale statt nationaltürkische Identität steht: Das auf die Hauptstadt Ankara zentrierte Regierungssystem der Türkei lässt dezentralere Strukturen nach wie vor kaum zu, wie sie nötig wären, um den kulturellen und politischen Eigenheiten des kurdischen Südostens gerecht zu werden. Die politische Türkei wird von Istanbul, Ankara und Izmir aus dominiert.

Die kurdischen Gebiete erstrecken sich über Teile der Türkei, Irans, Iraks und Syriens. Im Laufe des Jahres 2011 hat die syrische Armee ihre Präsenz im kurdischen Nordosten aufgegeben, verschiedene kurdische Gruppen organisieren sich nun dort und nutzen das Machtvakuum, um in Kooperation mit Kurden im teilautonomen Nordirak Fakten zu ihren Gunsten zu schaffen. Die PKK und ihr syrisches Pendant, die PYU, kontrollieren einen Großteil der dortigen Gebiete und Grenzen. Das gefällt der türkischen Regierung natürlich gar nicht. Man befürchtet ein Wiederaufflammen der kurdischen Autonomiebestrebungen und will das Kurdenthema am liebsten unter den Tisch kehren. Dass syrische Kurden scharenweise in der Türkei Schutz suchen, passt nicht in das Konzept dieser Politik. Izmir war jedoch schon in den 80er Jahren eine der wichtigsten Städte für die wenigen Kurden im Westen der Türkei: Als Handelszentrum versprach es Arbeit, als Hafenstadt eine schöne Lage am Meer und als moderne Stadt die notwendige kulturelle Toleranz – nun gewinnt auch die geographische Nähe zu Europa vermehrt an Gewicht.

Lorans Vater zeigt das Schreiben mit dem medizinischen Befund eines Krankenhauses in Izmir. //  Loran's father displays the letter with the diagnostic findings of a hospital in Izmir
Loran Shamdin und seine Eltern sind in Izmir als Flüchtlinge registriert und haben aufgrunddessen auch das Recht auf medizinische Versorgung – zumindest in der Theorie. Demet Gül von der Flüchtlingsorganisation Mültecin Der in Izmir erklärt uns jedoch, dass es immensen bürokratischen Aufwands bedürfe, diesem Recht auch zur Umsetzung zu verhelfen: In der Realität würde fast kein Flüchtling medizinisch versorgt, die Zuzahlungen in Krankenhäusern seien für Flüchtlinge besonders hoch. Loran ist mit seiner Hämophilie zwar bei der Gesundheitsbehörde registriert, vom türkischen Staat wird jedoch nichts weiter unternommen. So harren seine Eltern aus und hoffen, dass es zu keinen Zwischenfällen kommt, denn eine nächtliche Flucht über den Landweg ist angesichts der Gefahren durch Wassergräben, Hunde, Dornen und Zäune ausgeschlossen: Wenn Loran sich auch nur leicht verletzte, würde das seinen sicheren Tod bedeuten. Auch mit den Booten der Menschenschlepper wollen sie nicht fahren, da niemand in der Familie wirklich schwimmen kann. Immer wieder fragen sie uns, ob Europa nicht helfen könne und wir können immer wieder nur sagen: Wenn ihr es irgendwie nach Deutschland schafft, dann könnt ihr dort Asyl beantragen und medizinische Versorgung erhalten. Von Izmir aus besteht jedoch leider derzeit keine Möglichkeit, euch zu helfen.

Eine absurde Situation: Wer es illegal über die Grenze schafft, kann Asyl beantragen und wird erst mal geduldet. Wie so oft, schaffen es die Mutigen, Jungen und Starken – die Alten, Kinder und Schwachen jedoch bleiben auf der Strecke. Würden ernsthafte Bemühungen bestehen, syrische Flüchtlinge medizinisch zu behandeln, so bedürfte es konkreter Anlaufstellen für Hilfesuchende. Doch die gibt es nicht. Mültecin Der ist eine der wenigen aktiven Nichtregierungsoranisationen und ihre Einschätzung ist ernüchternd: In der Türkei gibt es kein Asylgesetz und damit keine Regelung der Rechte von Flüchtlingen. Alles werde aufgrund von Verordnungen der Exekutive gehandhabt, weshalb Rechtsunsicherheit und Willkür herrsche. Man könne keine klare Auskunft geben. Auch die internationale Flüchtlingsstelle UNHCR sei überfordert und nicht immer da, wenn es um konkrete Hilfe wie im Falle Lorans geht.

Genau für einen solchen Fall wie den von Loran Shamdin bedürfe es einer europäischen Initiative, meint Demet Gül von Mültecin Der. Europa müsse Geld in Hand nehmen, es müsse eine politische Entscheidung und deren konkrete Umsetzung geben. Solange dies nicht geschehe, werde faktisch alle Verantwortung an die türkischen Behörden abgeschoben, welche weder gesetzlich verpflichtet, noch faktisch in der Lage sind, zu helfen. Mültecin Der lobbyiert schon seit zwei Jahren für die baldige Umsetzung der angekündigten Asylgesetzs, doch die Abstimmung darüber ist zuletzt (vielleicht gerade angesichts der schwierigen Flüchtlingssituation) immer wieder verschoben worden.

Wir unterhalten uns gegenüber dem Hotel mit Lorans Familie und anderen syrischen Flüchtlingen. // Sitting and talking with Loran's family and other Syrian refugees over the road from the hotel.

Loran und seine Familie sind so die Leidtragenden einer verfahrenen und absurden Situation, die sich durch die Versprechungen des deutschen Außenministers Westerwelle nicht geändert hat. Dazu müsste er seinen Worten auch Taten folgen lassen. Im Fall von Loran Shamdin wäre es verhältnismäßig unkompliziert, die Familie über Mültecin Der in Izmir zu lokalisieren und sie über die deutsche Botschaft zur medizinischen Versorgung in die Bundesrepublik schaffen zu lassen. Solange das nicht geschicht, sind Westerwelles Worte leider nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.

---------------

Until now, Europe is not willing to give asylum to Syrian refugees, most of them internally displaced and some taking refuge in the neighbouring countries' camps. Nevertheless, German foreign minister Guido Westerwelle recently said Germany would be willing to "accomodate refugees, e.g. for medical treatment. This is going to happen." [1] This could, however, only be a conjoint line of action, including European Union and United Nations. Should this reference to the necessity of a coordinated approach be assessed as an excuse so not to have to actually act on that promise or are there existing diplomatic affords to grant a medical emergency treatment? Anyhow, at the borders of Europe there is a need for immediate action.

Loran Shamdin is two years old and is suffering from haemophilia, commonly known as "bleeding disorder". The small boy looks pale, his frizzy curls hanging in his marked face. Something wise dwells in his deep gaze, as he is absentmindedly playing with his father prayer beads. We are sitting on the steps of a cheap hotel in the middle of Basmane, the poorer quarter of Izmir, a metropolis at the Turkish Aegean Sea. Because of the civil war following up the mass protests and rallies against Assad, Loran's family fled from the Kurdish areas in Syria into Turkey. The parents and their three kids went into northern Iraqi Kurdistan first in order to cross the border river to Turkey at night and from there take a bus to Izmir. They had heard from there it wouldn't be far to Europe – and, moreover, they would find the most tolerant climate possible in Turkey towards the Kurdish.

The Kurdish issue still remains unsolved in Turkey. Sure, the Erdogan government of the AKP brought some measure on the way in order to improve cultural rights of Kurdish people – such as licensing of Kurdish television or even some allowance for school education in Kurdish language. Yet still, a comprehensive recognition of Kurdish cultural or even political identity, as demanded by many Kurdish groups, is not to be expected soon. During the rule of the Kemalist CHP there was barely space for Kurdish matters, way too strict they adhered to the guidelines of the all-time-present idol: Founder of state, Kemal Atatürk, had chosen the Turkdom as an identification nucleus quite intentionally, when in 1923 the Turkish republic was founded. He needed to establish a new counter-identity able to successfully oppose the islamic sultanate which used to combine religious and political leadership in the same person. So there was no space left for Kurdity.

Later in the 70's and 80's there was much resistance against Kurdish efforts for autonomy. Who was speaking or writing Kurdish or dared to criticize the central government was in danger to be imprisoned and tortured. After years of assimilation, many young Turks with Kurdish origin don't speak their language anymore. Although Erdogan and his AKP might stand for a moderate muslim and liberal rather than for a Turk nationalist identity, the governmental system of Turkey is still centred towards Ankara, not providing for more decentralized structures as they would be necessary in order to allow for the cultural and political specifics and distinctions of the Kurdish south-east. The political Turkey is still being run from Istanbul, Ankara and Izmir.

The Kurdish area covers wide parts of Turkey, Iran, Iraq and Syria. In 2011, the Syrian army withdrew from the country's north-east and several Kurdish groups took over. They are reorganizing and use the vacuum of power in order to factualize the situation to their advance, in cooperation with Kurdish groups from the partly autonomous Kurdistan in northern Iraq. The PKK and their Syrian counterpart, the PYU, control the most part of the north-east Syrian region and it's borders. Of course this is not to the liking of the Turkish government, for they fear a reinflammation of the Kurdish struggles for autonomy they want to rather draw the curtain over. Thousands of Kurdish Syrians, seeking asylum in Turkey – they does not fit in this policy. However, since the 80's, Izmir has been one of the most important cities for Kurds in western Turkey.: As a center of trade it was promising jobs, as a harbour city a proximity to the sea and as a modern city a certain cultural tolerance – meanwhile, the geographical proximity to Europe gains weight for them as well.

Loran Shamdin and his parents are registered as refugees and thus have a right to medical treatment – at least in theory. Demet Gül from the refugee organisation Mültecin Der explains to us the immense bureaucratic afford which is needed to put this right to realisation: In reality, almost none of the refugees are medically cared for, the extra payment is especially high for refugees. Loran's haemophilia is registrated with the health authorities, nevertheless, from the part of goverment there are no steps expected to be taken. Thus, his parents persevere in Izmir and hope that there would be no incidents. A nightly escape through the land border's water ditches, barb wires, thorns and watch dogs is just impossible: Just a single scratch could cost Loran's life. The human trafficker's boats are not an option either, for none of the family can actually swim. So they ask us again and again whether Europe could help them and we have to answer again and again that our hands are bound. Only if you make it to Germany, then you can apply for asylum there and get medical treatment for Loran. But that is way too dangerous and from here, from Izmir, it is impossible for us to help you right now, because of the political and juridical situation in Europe.

It's an absurd and almost gross situation: Who makes it across the border illegally, will be able to apply for asylum and will be tolerated for now. As always, the brave, young, strong make it – the old, too young and the weak stay behind. If there would be serious efforts to help Syrian refugees medically, there would be need for specific contact bureaus for people in need for help. But there are none. Mültecin Der is one of the few active non-governmental refugee relief organisations and their assessment of the situation is disillusioning: There is no legislation on asylum in Turkey, an asylum law simply doesn't exist, and thus there is no official interpretation of refugee's right. Refugees are being dealt with only according to executive decrees, which is causing uncertainty of law and arbitrariness of action. It is impossible to give authoritative and reliable information as to legal status and treatment, even the international refugee office UNHCR is unable to cope with the situation, especially when asked for practical help as in Loran's case.

Exactly for such a case as that of Loran Shamdin there is need for a European initiative, says Demet Gül of Mültecin Der. Europe would have to make a political decision, followed by investing some money into it's implementation. As long as this does not happen, as long as Europe keeps abdicating from it's responsibility, Turkish officials will stay solely responsible, confronted with a situation where they are neither lawfully obliged nor financially enabled to act and help. Since almost two years, Mültecin Der is lobbying towards a speedy implementation of the promised asylum law, but just recently the vote about it was adjourned once more, possibly just due to the current refugee situation.

Thus, Loran and his family remain the ones who suffer from an intricate and absurd situation that has not changed a bit with the obove mentioned statement of German minister of foreign affairs Guide Westerwelle. To achieve a factual change in that situation, he would have to actually act instead of only talking about helping. In the given case of Loran Shamdin, it would be comparatively uncomplicated to contact the family via Mültecin Der and to bring them to Germany for medical treament via the German embassy. As long as that doesnt happen, Westerwelle's words are not even a drop in the bucket.


Kommentare:

  1. Quite apart from all the bitterness I feel welling up inside me when I read your blog, I must say, as I have done before, that I admire your work. Thank you for making voices of those heard who wouldn't have one otherwise.
    How do you find the these people though? They probably don't exactly advertise.
    Sandra

    AntwortenLöschen
  2. warum geht's denn nicht weiter?

    AntwortenLöschen
  3. @Tochter Gaias: Loran and his Family we found in a cheap Hotel in a poor district we had been pointed towards by a local refugee organisation. The hotel we found with the help of a local, who we just found in the streets – just on the streets was the most usual meeting point. Or tea houses. :-)
    Just talk to people. And: There is no shortage of refugees at the border of Europe. Although they don' exactly "advertise", they can easily be found.

    @vert: After coming back to Germany, we were occupied with many other things than writing new articles. The whole project was quite exhausting emotionally, as you probably can imagine. Such experiences dont go without wounds.

    AntwortenLöschen
  4. Key features include the ability to retweet, follow, unfollow friends,
    send direct messages, manage multiple Twitter accounts
    and so much more. The Mc - Manus home is still a work in progress, despite the impressive art on the walls.
    Poor Little Fool - 1958 Although Rick's first #1 single, he reportedly loathed the song so much, he refused to perform it on his family's television show.


    Also visit my web page; Weekly Top 20 Music

    AntwortenLöschen