Freitag, 2. November 2012

Izmir II: Der einsame Darfuri // The lonely Darfuri

English version: see below.

Die Eltern von Ahmad und Azed Alyias lebten und arbeiteten, ebenso wie ihre Eltern und Großeltern, in einer Familie von Viehbauern unweit des kleinen Wüstenstädtchens Kutum, etwa 40 Minuten nordwestlich der 280.000-Menschen-Metropole Al-Fashir im südwestlichen Sudan gelegen. Schon seit Jahrtausenden war diese Region – wir kennen sie heute unter dem Namen Darfur – eine wichtige Basis für pharaonisch-ägyptische, islamisch-arabische und später ottomanisch-türkische Sklavenhändler: Sie kauften Menschen, die in Konflikten zwischen lokalen Siedlungen und Stämmen in Gefangenschaft und damit in Leibeigenschaft geraten waren – oder raubten sie einfach direkt aus ihren Siedlungen und von ihren Feldern. Seit vielen Generationen leben die Menschen hier daher in ständiger Angst, von heute auf morgen ihre Freiheit verlieren und für den Rest ihres Leben weit weg verkauft werden zu können.

Durch den massenhaften Sklavenexport, der auch im 20. Jahrhundert unter britischen, belgischen, französischen und ägyptischen Besatzern weitergeführt wurde, hat diese Angst bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Nicht nur, weil es auch im 21. Jahrhundert und bis heute immer wieder sowohl zu gezielten Sklavenjagden als auch zu Versklavungen unterlegener Kriegsgegner kam und kommt, sondern vor allem auch wegen der anhaltenden Separationskämpfe, die immense Flüchtlingsbewegungen verursachen. Sudan, Südsudan sowie die Bürgerkriegsregion Darfur gelten nach Angaben des Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) in Genf als die Region mit den meisten Binnenvertriebenen weltweit; gleichzeitig tauchen immer wieder Beweise auf, dass die Sklaverei in der Region nach wie vor boomt, obwohl die jeweiligen Regierungen sich gegen diese Behauptung schärfstens verwehren. Auch nach dem Waffenstillstand zwischen Sudan und Südsudan von 2005 tobt in der Region Darfur bis heute ein mit höchst brutalen und menschenverachtenden Mitteln geführter Bürgerkrieg, der viele Menschen aus ihrer Heimat vertreibt, im verzweifelten Versuch, ihr nacktes Leben zu retten.

Der Park in Basmane. Ein Obdachloser hat seine Habseligkeiten an den Baum gehängt. // A central square in Basmane. A homeless person put her belongings up on a tree.

Ahmad Alyias ist einer dieser Menschen. Bereits als Jugendlicher in eine der Bürgerkriegsarmeen zwangsrekrutiert, wagte der gebürtige Darfuri es vor knapp anderthalb Jahren, sich unter Lebensgefahr erst nach Ägypten und dann mit Hilfe von Menschenschleppern weiter Richtung Norden in die Türkei abzusetzen. Ich treffe ihn in einem billigen Hotel in Izmir, einer Millionenstadt an der türkischen Ägäis, von wo aus zehntausende Flüchtlinge auf den Absprung nach Europa warten. Zusammen mit meinem Kollegen Michael Kolain bin ich hierher gekommen, um Flüchtlinge zu treffen – wir recherchieren im Rahmen eines investigativjournalistischen Projekt die Wege syrischer Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Eine ortsansässige Flüchtlingsorganisation, mit der wir noch am Morgen gesprochen hatten, hatte uns den Tipp gegeben, einen Blick in die heruntergekommenen Hotels rings um die Moschee des Armenviertels Basmane zu werfen, wenn wir mit Flüchtlingen sprechen wollten.

Neben seiner Muttersprache Dinka spricht Ahmad fließend Arabisch und ein paar Brocken Englisch. Ein Studium in Finnland, das ist sein Ziel, aber um das zu erreichen, muss er dort erstmal unbemerkt ankommen, Asyl beantragen und bewilligt erhalten. "England, Germany, good," sagt er, "student in Finland, best." Einen wirklich detaillierten Plan hat der etwa 30jährige nicht, nur einen Bruder Azed in Deutschland und den nächsten Schritt direkt vor Augen: Die Ägäis zu überqueren, um von dort aufs griechische Festland und weiter nach Nordeuropa zu kommen. "But going Europe, very dangerous. Boat dangerous. No swim. Good friend dead last week." Letzte Woche sei ein Boot gesunken, etwa 60 Flüchtlinge seien dabei ums Leben gekommen, unter ihnen ein guter Freund, mit dem er aus dem Sudan bis hierher gekommen sei.

Im Sudan war die Familie Alyias nicht arm. Als Angehörige der Dinka-Ethnie gehörten sie nicht zu den Hauptopfern der häufigen Massaker, als Viehbauern – unter britischer Herrschaft wurden viele Dinka rings um die britischen Kolonialposten sesshaft – führten sie ein verhältnismäßig abgesichertes Leben. Auch jetzt ist Geld nicht das größte Hindernis für Ahmads Pläne. Gemeinsam organisieren mehrere Dinka-Flüchtlingen von Izmir aus nach und nach ausreichend Finanzmittel, um für jeweils einen Flüchtling die nötigen 1000 Dollar für eine Überfahrt in einem der größeren Fischerboote bereitstellen zu können. Durch den Tod seines Freundes ist er nun als Nächster an der Reihe, das Geld hätte nach erfolgreicher Überfahrt nach Chios bezahlt werden sollen, nun steht es Ahmad zur Verfügung.
Doch die Überfahrt ist gefährlich, nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für die Schlepper – die Türkei hat kürzlich auch den Versuch des Menschenschmuggels unter eine erhebliche Gefängnisstrafe gestellt, was viele Schlepper und Fischer inzwischen von diesem ehemals lukrativen Nebenverdienst abschreckt.

Für Ahmad Alyias ist eine Rückkehr in den Sudan keine Option: Bis auf seinen Bruder Azed in Deutschland ist seine ganze ihm bekannte Familie seines Wissens tot und auch ihm droht die sichere Hinrichtung als Deserteur, sollte er in seine Heimat zurückkehren. Der einsame Darfuri kennt nur eine Richtung: Vorwärts. Im Versuch, der Sklaverei der Bürgerkriegsmilizen zu entkommen, durchlebte Ahmat eine wahre Odyssee – nur um schließlich die Tore Europas verschlossen und sich selbst erneut machtlos wiederzufinden, diesmal nicht den machetenschwingenden Mördern seiner Familie, sondern europäischen Bürokraten ausgeliefert. "Frontex hat meinen Freund auf dem Gewissen," erklärt er mir in gebrochenem Englisch, "nur aus Angst vor Frontex wurden die Flüchtlinge unter Deck eingesperrt." Seine Augen wenden sich während dieser Worte von mir ab und starren auf den Boden, während sie sich kaum bemerkbar mit Tränen füllen. Am nächsten Tage spreche ihn noch einmal kurz, gebe ihm meine Telefonnummer in Deutschland und er mir die seines Bruders. Falls er es nach Deutschland schafft, kann ich versuchen, ihm dort anwaltliche Unterstützung zu organisieren. Wieder mit mir reden will er nicht, er meidet mich von da an, grüßt nicht zurück und schaut mich nicht mehr an. Vielleicht hat er Angst, vor den Anderen zuviel erzählt zu haben? Nur zum Abschied, als ich mit dem Rucksack das Hotel verlasse, zwinkert er mir mit einem ernsten Lächeln zu und legt seine Hand aufs Herz.



Ahmad möchte nicht, dass wir Bilder von ihm machen. Wir interviewen ihn in einem Teegarten. // Ahmad does not want his pictures to be taken while we interview him in a tea-garden.


Just like their ancestors, the parents of Ahmad and Azed Alyias lived and worked as cattle farmers close to the small desert city Kutum, about forty minutes north-west of the 280k metropolis Al-Fashir in south-west Sudan. Since thousands of years, this region – today known as Darfur – has been an important base for slave traders under pharaonic, islamic or ottoman rule. They bought people who had been captured into slavery during conflicts of local settlements or tribes, if they not directly captured people from their settlements and their fields themselves. Thus, for many generations people in this area lived in permanent fear of losing freedom, being sold into far away countries for the rest of their lives.

This fear lost nothing of its actuality and topicality, due to the massive slave export still going on in 20th century under british, belgian, french and egypt occupations. Not only because there still were and are organized slave hunts and enslavement of defeated enemies long into the 21th century and even until today, but also because of the ongoing hostilities about separation, causing immense refugee movements. Sudan and South Sudan as well as the civil war region Darfur stand as the area with the most internal refugees worldwide, says Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) in Geneve. Nevertheless every now and then there is new proof that slavery is still prospering in this region, although the governments officially deny this sharply. Even after the ceasefire between Sudan and South Sudan, civil war is raging there with brutality and dehumanizing measures still today; men and women are expelled from their homes, desperately trying to save their bare lives.

Ahmad Alyias is one of these men. Forced into one of the civil war armies as a youth, he dared escaping under danger of life first to Egypt and then with human traffickers further north into Turkey. I meet him in a cheap Hotel in Izmir, a megacity close to the Aegean Sea, from where thousands of refugees try to get to Europe somehow. Together with my collegue and friend, Michael Kolain, I came here to meet refugees – we are investigating for a project about the paths of Syrian refugees on their way into Europe. A local refugee organisation we talked to in the morning pointed us towards the worn-out hotels around Basmane's mosque, if we wanted to talk with refugees.

Apart fom Dinka, his mother tongue, Ahmad speaks fluent Arabic and some English. To study in Finland, that is his goal, but to achieve it he would have to get there unidentified first, apply for asylum – and get it granted! "England, Germany good" he says in broken English, "student in Finland best." The thirty year old doesn't have a detailed plan, just a brother, Azed, in Germany and the next step right before his face:  To cross the Aegean Sea to get to the greek mainland and from there up to Northern Europe. "But going Europe, very dangerous. Boat dangerous. No swim. Good friend dead last week." Last week a boat sunk, about 60 refugees died – a good old friend he knew from Sudan amongst them. Ahmad cannot swim.

Ein Katze im Armenviertel Basmane. // A cat in the slum of Basmane.

In Sudan, the Alyias family wasn't poor. As members of the Dinka ethnic group, they did not belong to the main victims of the frequent massacres, as cattle farmers – under british rule, many Dinka settled around the British colonial posts – they led a decent and comparatively secured life. Even today, money is not the biggest obstacle for Ahmad's plans. Together with some other Dinka refugees in Izmir, he is organising money to pay the traffickers to get them one by one over to Greece in a more secure fisher boat: 1000 dollar per head. Because of the recent death of his friend, now he is next in the row: The money should had been paid after a successful traverse to Chios, now Ahmad can use it. But the traverse is dangerous not only for the refugees but also for the traffickers – Turkey recently passed a law penalising even the attempt of trafficking with several years, deterring traffickers and fishermen from this once profitable auxiliary income.


To Ahmad Alyias, returning to Sudan is not an option. Apart from his brother Azed in Germany, he believes his whole family dead and he is sure that in Sudan nothing awaits him but execution as a deserter in case he returns home. The lonely Darfuri knows only one direction: forward. Trying to escape enslavement by the civil war milita, he lived through a true odyssey – just to find the Gates of Europa closed and himself once more rendered powerless, this time delivered not to the machete swinging murderers of his family but to European bureaucrats. "Frontex killed my friend" he explains in broken English, "fear of frontex made captain put them underdeck". With these words, his eyes turn away from  me towards the floor and subtly fill with tears. Next day I talk to him only briefly, write down my phone number for him and that one of his brother for me. If he makes it to Germany, I can at least try to arrange for some attorney to help him. He refuses to talk with me again, avoids me from there, doesn't greet back and doesn't look at me any more. Maybe he is afraid to have been to talkative in front of all the others? Only for farewell, as I leave the hotel with my backpack, he smiles at me in a severe manner and puts his hand to his heart.

Izmir I: "Refugees and traffickers" – Paths and fates in the refugee quarters of Basmane // "Flüchtlinge und Schlepper" – Wege und Schicksale im Armenviertel Basmane


Beitrag in deutscher Sprache: siehe unten.

Regarding the weather situation, our departure is perfectly timed: Just a few hours after we had left Antakya – not without shooting some picture in the park of the Syrians and restocking our supplies for the 17 hour bus nighttrip – a big thunderstorm unleashed his power on southern turkey. Due to an engine breakdown, we watch it from the side of the road, but after an hour we are glad to be able to go on with the same bus, for we already have an appointment with a refugee organisation in Izmir.

The three million people city of Izmir is Turkey's third largest metropole, situated at the Aegean Sea side. On the map, the Greek islands of Chios, Lesvos and Samos seem to be just a stone's throw away. We are presuming that there has been a (re-)shift of refugee routes from the land border of the Evros region to the sea border at the Greek islands: According to FRONTEX and some relief organisations, the numbers of refugees crossing the Evros river dropped dramatically, reportedly due to a significant increase of human resources for the surveillance there. [1] What we discover in the Izmir's slums at Basmane and whom we meet there, exceeds our expectations by far: Thousands of refugees live in the cheapest hotels and on on the streets of the city, looking for human traffickers and aiming to gather the money necessary to pay them.
The upcoming days, on this blog we will keep you posted about our experiences in Izmir and about some of the people we met. Stay tuned and be part of it!



Wettertechnisch gesehen verlassen wir Hatay gerade zum rechten Zeitpunkt: Nur wenige Stunden, nachdem wir in Antakya abgefahren sind – natürlich nicht, ohne noch schnell dem Syrer-Park einen Besuch abzustatten, ein paar Fotos zu schießen und uns für die bevorstehende siebzehnstündige Nachtfahrt mit etwas Proviant einzudecken –, bricht ein recht heftiger Sturm los, den wir aufgrund eines Motorschadens vom Straßenrand aus erleben. Nach einer Stunde gehts schließlich doch noch mit diesem Bus weiter; gut für uns, denn wir haben für vormittags bereits einen Termin mit einer Flüchtlingsorganisation in Izmir ausgemacht.

Izmir liegt an der Westküste der Türkei und ist mit drei Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes. Die griechischen Inseln Chios, Lesvos und Samos in der Ägäis sind auf der Karte nur einen Katzensprung entfernt. Wir vermuten, dass eine Rück-Verschiebung des Flüchtlingsstroms vom Land- auf den Meeresweg hin zu den griechischen Inseln stattgefunden hat: Nach Aussagen der europäischen Grenzpolizei FRONTEX und einiger Hilfsorganisationen sind die Flüchtlingszahlen in der Grenzregion Evros erheblich zurückgegangen, offenbar als Folge einer erheblichen personellen Verstärkung der dortigen Überwachung. [1] Was wir dann schließlich in Izmirs Armenviertel Basmane erleben und wen wir alles treffen, übertrifft das Erwartete schließlich bei weitem: Tausende Flüchtlinge leben in den billigsten Hotels und auf den Straßen der Stadt, suchen Kontakt zu Schleppern und nach Möglichkeiten, sie zu bezahlen.
In den nächsten Tagen werden wir einige unserer Erlebnisse dort und die Menschen, die wir kennengelernt haben, in verschiedenen Formaten auf diesem Blog vorstellen. Bleibt dran und mit dabei!

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[1] "The numbers of migrants crossing the Greek-Turkish land border dropped from over 2000 a week in the first week of August to little over 200 in the second week. This is the direct effect of increased surveillance and patrolling activities by the Greek authorities, which included the deployment of an additional 1800 officers along the Evros river at the beginning of August." Quelle: http://www.frontex.europa.eu/news/situational-update-migratory-situation-at-the-greek-turkish-border-HATxN9

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Hatay IV: „Allah'tan başka hiçbirşeyden korkmam“ // „ I fear nothing but Allah“ // „Ich fürchte nichts außer Allah“

Dieser Artikel auf deutsch: Siehe weiter unten!


(This is the last of the four posts describing the events of October 20th 2012.)

During the whole conversation in the çay evi, the tea house in Yayladağı, there are many people joining and leaving the table. The mostly muscular men greet us with a serene but grave as-salaamu a'leykum, sit at the table, drink a çay or a kahve and leave again after some time. Most of the dozen men have full beards with different length. We guess that they might be Syrians, although we communicate in Turkish language mixed with some English words. And in fact, after some minutes of slightly hesitating conversation, they turn out to be fighters in the milita of the Free Syrian Army (FSA), the military organisation of the insurgents. They invite us to a coffee and we plunge deeper and deeper into an ongoing conversation, in the course of which we talk very openly but severe about their personal feelings and the military situation in Syria from the view of the FSA.

Equipped mainly with russian AK47 automatic rifles and some other weapons, most of them captured from killed Assad soldiers, these mainly sunni milita, most of whom are from the rural areas around Aleppo, fight a war in the name of freedom, their main aim being the fall of the president in Damascus, who in their conviction is a brutal military dictator bombarding his own people and slaughtering women and children in vast numbers. As all the men around the table next to the entrance, also the elderly moustached Turk is a FSA soldier: He shows us a picture on his mobile of him posing in a bombed town in front of a dead body. He explains to us that together with his Syrian friends he is also fighting Assad. Meanwhile, an elder, very self-confident in battle uniform enters the szene, being greeted in an even more reverent manner by the other fighters. Assumingly he is some kind of commanding officer – we are quite appaled that all the Turkish policemen and soldiers on the street let him move around that unhindered even in his uniform. Or would he be a Turkish officer? Rather not. In the course of the conversation we witness a toleration of the Syrian fighters by the Turkish army which it even far more extensive than we had previously assumed.

Harun, about 40 years old and olive farmer from the Aleppo area, is especially talkative towards us. Since he led his wife and children into the safety of the refugee camp ten months ago, er comes back every now and then to rest for two days with his family before going back into the warzone for another ten days of fighting. To him it is very important for us to understand, that the FSA unites up to 100.000 members of all ethnical and religious groups: Not only Sunnites, but also Shiites, Alevites and even 300 Christians, who make up three quite well-known combat groups, as Harun says. When we start asking about Europe and the possibility of escaping to there, he only looks at us bewildered and exchanges some words in Arabic language with the guy next to him. Over the subsequent minutes, for many times he just points at his beards and signals us that he is sure that he as a muslim is not welcome in Europe and the bearded muslims are all taken for terrorists there. “Al-Qaida”, he says, and explains to us that western media are wrong in assuming a djihadist infiltration of the FSA. A picture of a bearded muslim would be enough for a westerner to proof a connection to terrorism, he is sure. But in reality, the number of djihadists in the FSA is very small, he assures us, he has seen not a single one yet.
So why should he apply for asylum in Europe, he wants to know from us. What his people really need is money and weapons to enable them to win their war. Inj addition, Europe should try to stop the supply of Russian kalashnikovs and German tanks to Assad. He asks us several times to tell all people in Europe that he and his brothers are good people and need our help so they can persist in this back-breaking war. Answering our question whether it would be to dangerous for him if we take a picture of him with his written permit to leave the camp and come to town, he answers “Allah'tan başka hiçbirşeyden korkmam” – “I fear nothing but Allah” and insists on the photograph.

One guy especially sticks in our memories. All the time he is listening to our conversation with big eyes but doesn't say a word. Everytime we are talking about war his eyes become empty and cold. He looks very traumatized. We wonder what's going on in his head. Perhaps he was facing death just a little time earlier? Maybe he killed some people himself? There is no shortage of massacres in this war, according to media reports. A young guy, approximately our age, but living in a completely different world. While we sit here investigating about politics, he will go back to the mountains to fight with a kalashnikov in his hands. As a comrade with a bandaged arm enters the tea house, he is signaling us unemotionally that the other guy got shot in his throat and upper part of the body. Looking for a smile on his face remains in vain.

After a full hour of talking with Harun and the other fighters, we realise that we have to go if we still want to catch a minibus back to Antakya. Taking into account our conspicuity in front of the camp and now here talking to these Syrians, for sure it wouldn't be a good idea to stay in Yayladağı over night. After a heartfelt goodbye, we walk down the street towards the bus stop, passing by personnel carriers of the Turkish army. All of a sudden a car stops, a regular guy get's out, introduces himself as a policeman and wants to see our passports. Now we're in trouble, we think. But although he doesn't really acknowledge our small plastic ID card as passports and asks us several times if we we're sure we're not journalists, he remains very friendly – once more thanks to Michael knowledge of the Turkish language. He explains to us that there are no more buses going back to Antakya, organizes some private car to take us back for an actually not small amount of payment and requests us strongly to take them up on their offer. All of a sudden he is just gone without further word and we think that we better adhere to his advice. After bargaining hard about the really high price, we enjoy an entertaining ride back on the dark streets of Hatay province, at the end of which we grant ourselves a relaxed çay at Antakya's riverside promenade. Finally sinking into our beds, we are still far from being aware of the intenseness of todays events.




(Dies ist der letzte von vier Beiträgen zu den Ereignissen des 20. Oktober 2012.)

Während des ganzen Gesprächs im çay evi, dem Teehaus in Yayladağı, herrscht ein munteres Kommen und Gehen. Die kräftigen Männer begrüßen sich gegenseitig mit einem ernsten as-salaamu a'leykum, setzen sich an den Tisch, trinken einen çay oder kahve und gehen schließlich wieder ihrer Wege. Fast alle der etwa ein Dutzend Männer haben dichte Vollbärte unterschiedlicher Länge. Wir gehen direkt davon aus, dass wir es mit Syrern zu tun haben, obwohl wir uns eher mithilfe der türkischen Sprache und einiger Brocken Englisch verständigen. Und tatsächlich: Nach einigen vorsichtigen Worten zu Beginn bestätigt sich, dass wir es hier mit Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) zu tun haben – der militärischen Einheit der Rebellen. Sie bieten uns einen Kaffee an und wir vertiefen uns in ein längeres Gespräch, in dessen Verlauf sie mit uns sehr offen und ernst über ihre persönlichen Empfindungen und die militärische Situation in Syrien aus Sicht der FSA sprechen.

Ausgestattet mit russischen AK47-Sturmgewehren und einigen anderen Waffen, die sie größtenteils von al-Assads Soldaten erbeutet haben, kämpfen diese überwiegend sunnitischen Milizen, die vor allem aus ländlichen Gegenden um Aleppo stammen, einen Kampf im Namen der Freiheit, dessen einziges Ziel der Sturz des Präsidenten in Damaskus ist – aus ihrer Sicht ein brutaler Militärdiktator, der die eigene Bevölkerung bombardiert und massenhaft Frauen und Kinder massakriert. Wie alle der Männer am Eingangstisch ist auch der ältere, schnauzbärtige Türke FSA-Soldat: Er zeigt uns ein Handyfoto, auf dem er in einer zerbombten Stadt vor einer Leiche posiert, und erklärt uns, dass auch er mit seinen syrischen Freunden gegen Assad kämpft. Während des Gesprächs kommt auch ein älterer, selbstsicherer Mann in Kampfuniform herein, der von den anderen etwas ehrerbietiger als die anderen gegrüßt. Offenbar ist er ein Kommandant in der FSA – für uns zunächst erstaunlich, dass die vielen türkischen Soldaten und Polizisten auf der Straße ihn selbst in Uniform sich derart frei bewegen lassen. Oder ist er etwa ein türkischer Militär? Eher nicht. Im Laufe des Gespräches wird klar, dass die Duldung der FSA durch das türkische Militär offenbar deutlich umfassender ist als in westlichen Medien dargestellt.

Harun, ein knapp 40-jähriger Olivenbauer aus der Nähe von Aleppo, ist uns gegenüber besonders gesprächig. Seitdem er vor zehn Monaten seine Frau und seine Kinder ins hiesige Flüchtlingslager gebracht hat, ist er immer mal wieder zwei Tage hier, um sich zu erholen und mit seiner Familie zu sein, bevor er wieder etwa zehn Tage ins Kriegsgebiet geht, um dort zu kämpfen. Ihm ist wichtig, zu betonen, dass die FSA bis zu 100.000 Angehörige aller ethnischen Gruppen und Religionen vereint: Nicht nur Sunniten, auch Schiiten, Alewiten und sogar etwa 300 Christen. Letztere bilden in der FSA drei recht bekannte Kampfgruppen, wie Harun erzählt. Als wir anfangen, über Europa und eine mögliche Flucht dorthin zu sprechen, schaut er uns nur verständnislos an und wechselt ein paar arabische Worte mit seinem Sitznachbarn. Mehrfach deutet er in der folgenden halben Stunde auf seinen angegrauten Bart und macht uns deutlich, dass er davon ausgeht, dass er mit seinem Bart als gläubiger Muslim in Europa nicht willkommen sei, und dass man alle bärtigen Muslime dort für Terroristen halte – „Al Kaida“, sagt er, und erklärt uns, dass die westlichen Medien unrecht hätten, wenn sie von einer Unterwanderung der FSA durch Dschihadisten redeten. Ein Bild von einem bärtigen Mann reiche doch für die meisten Westler aus, um eine Verbindung zur Terrororganisation zu beweisen. In der Realität sei die Zahl von Dschihadisten gering, er habe noch keine gesehen. Warum solle er Asylanträge in Deutschland stellen? An was es mangelt sind Waffen und Geld, um seinen Kampf hier gewinnen zu können. Außerdem solle sich Europa dafür einsetzen, die Lieferungen russischer Kalaschnikows und deutscher Panzer an Assad zu stoppen. Er bittet uns mehrfach darum, allen Leuten zu berichten, dass sie gute Männer seien und dass sie dringend Hilfe bräuchten, um in diesem zermürbenden Krieg bestehen zu können. Als wir ihn fragen, ob wir ein Bild von ihm mit seiner schriftlichen Erlaubnis, das Lager zu verlassen, machen könnten oder ob das zu gefährlich sei, antwortet er „Allah'tan başka hiçbirşeyden korkmam“ –„Ich fürchte nichts, außer Allah“ und besteht auf dem Foto.

Ein Mann bleibt uns besonders im Gedächtnis. Die ganze Zeit lauscht er unserem Gespräch mit großen Augen, sagt aber kein Wort. Wenn es um den Krieg geht, wird sein Blick leer und kalt. Er wirkt stark traumatisiert. Was wohl in seinem Kopf vorgeht, ob er vor kurzem noch dem Tod ins Auge geblickt hat oder gar selbst getötet hat? An Massakern mangelt es in diesem Krieg nach Medienberichten nicht. Ein junger Kerl, ungefähr unser Alter, aber in einer ganz anderen Welt als wir. Während wir hier wohlfeil recherchieren und uns Gedanken über Politik machen, geht er morgen zurück in die Berge, um mit seiner Kalaschnikow zu kämpfen. Als ein Kamerad mit Armschlinge ins Teehaus kommt, signalisiert er uns ganz nüchtern, dass dieser einen Schuss in den Hals und auf den Oberkörper abbekommen habe. Ein Lächeln sucht man auf seinem Gesicht vergebens.

Nach einem gut einstündigen Gespräch mit Harun und den anderen Kämpfern wird uns klar, dass wir gehen müssen, wenn wir noch einen Minibus zurück nach Antakya erwischen wollen. In Anbetracht unserer Auffälligkeit vor dem Lager und im Teehaus wäre es sicherlich keine gute Idee, die Nacht in Yayladağı verbringen zu wollen. Nachdem wir uns herzlich verabschiedet und das Teehaus an den auf der Straße stehenden Mannschaftswagen der türkischen Armee vorbei in Richtung Bushaltestelle verlassen haben, werden wir von einem lokalen Polizisten angehalten und um unsere Ausweise gebeten. Jetzt gibt's Ärger, schießt es uns in den Kopf. Auch wenn er unsere kleinen Plastik-Personalausweise nicht so richtig anerkennen will und uns mehrfach fragt, ob wir nicht doch Journalisten seien, ist er – wie immer nicht zuletzt dank Michaels Sprachkenntnissen – sehr freundlich. Er erklärt uns, dass kein Bus mehr fährt und organisiert uns ein Privatauto, dass uns gegen einen nicht geringen Obulus zurück nach Antakya bringen würde – er legt uns sehr nahe, das Angebot anzunehmen, verschwindet ohne weitere Worte und wir beschließen, seinem Rat zu folgen. Wir verhandeln hart um den Preis und verbringen schließlich eine unterhaltsame Heimfahrt auf Hatays dunklen Straßen, an deren Ende wir uns mit Fahrer und Beifahrer noch einen gemütlichen Tee an der Flusspromenade von Antakya gönnen. Als wir schließlich ins Bett fallen, ist uns noch lange nicht bewusst, was heute eigentlich alles geschehen ist.